Die Zeit der feudalen Zersplitterung
von der zweiten Hälfte des 7. Jh. bis zur Mitte des 10. Jh.
Unter dem Joch der Araber und Byzantiner
654 fielen die Araber, nachdem sie palästinensische, syrische und armenische Gebiete besetzt hatten, auch in Georgien ein. Dieses Jahr markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte und Kultur des georgischen Volkes. Es beginnt eine Epoche erbitterten Widerstandskampfes, der alle Kräfte mobilisiert und für neue große kulturelle Leistungen zunächst nur wenig Raum läßt.
Besonders hart betroffen waren die ost- und zentralgeorgische Gebiete, die zur Tributzahlung an die arabischen Eroberer gezwungen wurden. Das westliche Georgien stand dagegen im 7. Jahrhundert unter der Oberhoheit von Byzanz. Auch armenische und albanische Gebiete litten unter dem Joch der Araber. In der folgenden Jahrhunderten ist das politische Schicksal Georgiens eng mit dem Armeniens verbunden. Gemeinsam organisierten sie große Aufstände gegen die Herrschaft des Kalifats. In den Jahren 809 bis 837 richtete sich die breite Volksbewegung der Churremieten unter Leitung Babeks in Albanien, Armenien und im östlichen Georgiens gegen die Unterdrückung durch die Araber.
Die Eroberungszüge der Araber hatten verheerende Folgen für Georgien. Seine reichen materiellen Güter, seine Gold- und Silberschätze reizten die arabische Steuereintreiber. Weite Landesteile wurden verwüstet, alte Städte ausgeplündert, viele Festungen vernichtet, die Bevölkerung vertrieben. Die Lage verschlimmerte sich jedoch noch, als gegen Ende des 7. Jahrhunderts und im 8. Jahrhundert wiederholte Einfälle der aus dem Nordkaukasus kommenden Chasaren Nordgeorgien heimsuchten. Im ganzen Lande setzte ein wirtschaftlicher Niedergang ein, der auch einen zeitweiligen Stillstand der kulturellen Entwicklung nach sich zog.
Als sich am Ende des 8. Jahrhunderts die politische Schwächung des Kalifats zunehmend bemerkbar machte, begann die georgische Aristokratie, ihre Unabhängigkeitsbestrebungen wirksam durchzusetzen. Bereits Ende des 8. Jahrhunderts wurde das ostgeorgische Kachetien selbständig. Auch das unter byzantischer Oberhoheit stehende Westgeorgien konnte zur gleichen zeit seine Freiheit erringen. Es bildete sich das Westgeorgische oder Abchasische Reich mit der Hauptstadt Kutaisi. Im zweiten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts errang das Fürstentum Tao-Klardschetien mit der Hauptstadt Artanudschi seine Unabhängigkeit. Die georgische Linie der Bagratiden herrschte in Tao-Klardschetien, während die armenische Linie dieses Geschlechts das Fürstentum Schirak verwaltete. Der Fürst Tao-Klardschetien, Aschot Bagrationi (780-826), erhielt vom byzantinischen Kaiser den höchsten Hoftitel "Kuropalates" verliehen. Die Byzantiner unterstützen die Georgier im Kampf gegen die Araber, bei dem Tao-Klardschetien eine besonders wichtige Rolle einnahm.
Das kachetische Fürstentum führte den Befreiungskampf aus eigener Kraft. Hier wurde stark an den eigenständigen Traditionen festgehalten, weshalb der kachetische Fürst auch den georgischen Titel "Mtawari" trug. So bewahrte jeder der drei Teilstaaten auf seine Weise während der arabischen Herrschaft über Tbilissi und Teile des zentralen Georgiens ein starkes Nationalbewußtsein, schuf jeder wesentliche Voraussetzungen für die Befreiung des georgischen Volkes von Arabern und Byzantiner und für die Einigung des Landes. Obwohl aber die politische und ökonomische Macht in den drei großen selbständigen Feudalfürstentümern bereits Ende des 9. Jahrhunderts beachtlich erstarkt war, hemmten doch die gegensätzlichen Interessen der Feudalaristokratie immer wieder den Schritt zu einer Vereinigung, die erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts Wirklichkeit wurde.
Im Zuge der Befreiungsbewegung und der Entstehung selbständiger georgischer Feudalfürstentümer und Königreiche setzte eine sprunghafte Entwicklung der Produktivkräfte ein. In den Städten , die Zentren der Teilgebiete waren, wie Kutaisi, Artanudschi und Tbilissi, entfaltete sich ein reges gesellschaftliches Leben. Das von jeher entwickelte Gewerbe erfuhr umfassenden Aufschwung. Aber auch der Handel nahm bisher nicht erreichte Ausmaße an. Er verband die kaukasischen Länder mit den Schwarzmeerhäfen, mit Konstantinopel, dem Iran, Mittelasien, Wolgabulgarien und der Kiewer Rus. Im 10. Jahrhundert war Artanudschi ein bedeutender Umschlagplatz für Waren aus vielen Ländern. Tbilissi pflegte vor allem Verbindungen zu den Ländern Nordeuropas, auch Kutaisi unterhielt ausgedehnte Handelsbeziehungen. Zu den Erzeugnissen, die Georgien ausführte, gehörten Textilien, Pflanzenfarben, Gold- und Silberwaren und künstlerisch gestaltete Waffen.
Die Städte, deren frühmittelalterischer Kern meist aus der Festung, der Residenz des Herrschers, bestand, erweiterten sich um Handels- und Gewerbeviertel mit großen Basaren und Karawansereien. Außerhalb der Stadtmauern wohnten die Armen. Über das Leben in einer georgischen Stadt des 9. und 10. Jahrhunderts gibt es kaum exakte Vorstellungen, will dazu die Quellenlage zu dürftig ist. Spezielle Forschungen zur Sozialgeschichte der mittelalterlichen Städte stecken noch in den Anfängen. Sicher ist es jedoch, daß es zu jener Zeit in Georgien keine städtische Selbstverwaltung gab, vielmehr wurden die Städte unmittelbar von lokalen feudalherrschern regiert, von denen sogar ein Teil der Handwerker feudal abhängig war. Bald trat neben die Schicht der Handwerker der Stand der Kaufleute, der politisch größere Bewegungsfreiheit besaß und sehr geachtet war.
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